Leon Langhaar

Es war eine Woche vor der Einschulung als Sie Leon schnappten. Sie zerrten ihn von seinem roten Fahrrad. Er war schnell wie der Wind auf seinem roten Rad. Wenn er um den Häuserblock fuhr, sirrten die kurzen Kabelbinder, die von der Gabel in die Speichen ragten, wie ein Hochleistungsmotor. Doch diesmal war er nicht schnell genug. Sie erwischten ihn noch bevor er vom Hof war. Doch Leon gab sich nicht ohne Kampf geschlagen. Er wehrte sich mit Händen und Füßen, versuchte zu beißen, und zu kratzen und kreischte in den höchsten Tönen so laut er nur konnte – doch es half nichts.

Sie packten ihn an Armen und Beinen, bugsierten ihn in den Kindersitz und schnallten ihn fest. „Ich will aber nicht zum Arschlochfrisör“, tobte Leon. Er hasste es. Immer dieses Haareschneiden. Wozu überhaupt? Die wuchsen doch sowieso gleich wieder nach. Dauernd musste er zum Frisör, wo er stillsitzen musste und wo ihm das Atmen schwer fiel in der schwülen, parfümverseuchten Luft.

„Hey!“, schimpfte Papa. „Aber Schatz, deine Haare sind doch schon wieder so lang“, versuchte Mama zu beschwichtigen. „Mir doch egal! Ich mag lange Haare“, motze Leon. „Keine Widerrede. Die Haare kommen ab“, versetzte Papa streng, „Du siehst schon aus wie ein Mädchen.“ „Ja und“, zürnte Leon. „Mädchen sind doch hübsch. Immer sagt ihr, wie hübsch Marie ist und was sie für schöne Haare hat. Ich will auch hübsch sein und schöne Haare haben!“ „Aber bei Jungen ist das doch was ganz anderes“, sagte Mama in ihrem Erklärton.

Leon hasste Mamas Erklärton. Es war ein Ton, der nach Erklärung klang, in dem aber nichts jemals wirklich begründet wurde. Alles was Mama in diesem Ton vortrug, kränkte Leon, ärgerte oder verletzte ihn. Dieser Ton war schlimmer als Schimpfe. Er drang bis ins Innerste. Er machte Leon zu klein oder zu jung, verwehrte ihm Antworten auf brennende Fragen, machte ihn hilflos oder – und das war jedes Mal eine blitzgelbe, himmelschreiende Ungerechtigkeit – benachteiligte ihn gegenüber Marie. Leon schmollte.

„Und warum soll das überhaupt was anderes sein?“, nörgelte er. „Ach Schatz, Jungen sind eben hübscher mit kurzen Haaren“, erklärtönte Mama. Leon fühlte, wie sich ein Wutball bildete in seinem Bauch. „Aber der Luca hat auch…“ „Schluss jetzt!“, fuhr Papa dazwischen. „Du gehst ordentlich zur Schule und nicht wie so ein asozialer Penner. So siehst du nämlich aus, wenn dir die Haare über die Ohren wachsen.“

Darauf wusste Leon weder Frage noch Antwort. Stumm ließ er sich an der Hand über den Parkplatz führen. Geschlagen kletterte er in den Stuhl, während seine Eltern schon in Magazinen blätterten. Der Frisör legte ihm den Umhang an und scherzte: „Na, dann wollen wir mal aus der Leonie wieder einen Leon machen, was?“ Leon biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten.

Doch dann, während der Frisör den Langhaarschneider einstellte, griff Leon festentschlossen nach der Schere auf dem Tablett an der Lehne des Frisörstuhls. Und dann ging alles ratzfatz: Leon setzte zweimal an und schnitt sich beide Ohren restlos ab. „So! Jetzt können mir die Haare nicht mehr über die Ohren wachsen und so lang werden wie sie wollen!“, schrie er. „Oh Gott! Oh Gott! Oh mein Gott!“, rief der Frisör. So zumindest hatte Leon sich das während seiner Tortur ausgemalt. Und es wäre so cool gewesen, dachte er grimmig, als ihm der Frisör den Nacken pinselte. Die Welt war gemein. Und das Sugus, das er beim Gehen von der Frau am Empfang bekam, konnte daran auch nichts ändern.

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Martin Brunner, 2017

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