Wie das Guinness nach Irland kam

Am Anfang war Gott. Es war Samstagabend, wiedermal nur vollkommene Leere im Fernsehen und die Kartoffelchips waren alle. Mit einem unmutigen Seufzen erhob sich der Schöpfer aus dem alten, staubigen Sofa, das mit seiner tiefen Sitzkuhle und den knarrenden Federn auch schon bessere Tage gesehen hatte. Mühselig schleppte sich Gott zum Kühlschrank, um sich den Sechserpack Meer und ein paar Erdbeereisberge zu holen. Angewidert verzog er sein Antlitz als er von seinem Maritimcocktail nippte, aber bisher gab es halt noch nichts Besseres. Nun ja, der erste Schluck war immer der schlimmste, danach gewöhnte man sich an den salzig-herben Geschmack. Diese raue Bitterkeit im Abgang hatte etwas. Ein bisschen runder könnte das Ganze allerdings sein, so dachte der Herr, als er nach einem Erdbeereisberg griff. Dabei stieß er sein Glas um und der Ozean ergoss sich in den Aschenbecher. Ein göttliches Gefluche erfüllte alle Sphären. Seit Wochen hatte er den Aschenbecher nicht geleert und spätestens seit der Skatnacht mit dem ollen Teufel letzte Woche hatte sich ein Kippengebirge himalajischen Ausmaßes darin angehäuft. Hmmm, brummte Gott nachdenklich, ach, was solls, immerhin bin ich unsterblich und was einen nicht umbringt… Also legte er seinen Bart über das fast leere Glas und goss den Aschenbechersiff hindurch, um zumindest die Stummel rauszufiltern. Dunkel, beinah schwarz war, was im Seidel sich gesammelt hatte. Gott schlürfte einen Schluck und schwenkte ihn im Mund umher, schmätzelte skeptisch, schluckte und grinste breit bis über beide Ohren. Gott, du bist einfach gut, lobte er sich selbst. Schnurstracks begab er sich in seinen Hobbyraum, wo die Brauküche stand, die er sich letztes Jahrhundert zum Geburtstag erschaffen hatte. Das ganze restliche Wochenende verbrachte er mit Meischen und Mischen. Juhuu, rief er schließlich, was in seiner uralten Sprache so etwas wie „hurra“ geheißen haben muss. Das ultimative Samstagabend-Erfrischungsgetränk, das auch an allen anderen neun Wochentagen schmeckte, war kreiert, und es war gut. Nein, phänomenal! Pures Meerwasser hatte ihn immer so schlapp gemacht und von den vielen Kartoffelchips hatte er montags oft Verstopfung, also fügte er dem Seewasser Eisen bei, das ihn vitalisierte sowie Gerstenmalz, da es sich als reich an Ballaststoffen und somit der Peristaltik förderlich herausstellte. Hinzu kam Aschenbechersiff für Farbe und ein rauchiges Aroma. Da die Asche beim Einfüllen stäubte und seine Nasenhaare streifte, gelangte ein energisches Ha-tschu! mit in den Kessel, was dem Supersaft lustige Blubberbläschen und cremigen Schaum einbrachte. Damit die aufbrausende Wirkung langfristig erhalten bliebe, erfand Gott Bügelflaschen, welche das Getränk selbst unter großem Sprudeldruck verlässlich frisch hielten. Gott nannte das neue Wunderwasser Bier. Es schmeckte ihm so sehr, dass er jeden Samstagabend nach getaner Woche gleich mehrere Flaschen davon genoss. Zudem tat es ihm auch enorm gut. Beflügelt fühlte er sich nach jedem Schluck und bereit zu neuen Taten. Sowohl sein Körper als auch sein Geist profitierten in hohem Maße vom Bier. Er verkürzte bald die Woche von neun auf nur noch sieben Tage, denn Bier ließ ihn klarer priorisieren und gab ihm genug Energie, um seinen Kram auch so erledigen zu können. Zudem würde es ohne Enlistag und Ilustag auch schneller wieder Samstag.

Voller Tatendrang und Intuition hockte sich der Kreative dann eines Sonnabendabends hin, um etwas Außerordentliches auszutüfteln. Die Idee war so eine Art dynamisches Diorama. Licht und Dunkelheit wollte Gott erschaffen, und einen Himmel, der sie trennte. Genau auf der Trennlinie sollte ein Planet sein, der über eine künstliche Intelligenz verfügte, in Form von Wesen, die auf dem Planeten hausten. Der Form nach sollten diese Wesen Gottes Abbild sein, nur viel kleiner und vielleicht mit Haaren überall und etwas schlanker in der Proportion. Menschen sollten sie heißen und bald anfangen, sich überlegen zu fühlen und unablässig untereinander zu zanken. Zwar würden sie sich irgendwann die Welt erklären können, aber niemals ihre Herkunft und das würde sie frustrieren und zermürben und völlig auf die Palme bringen, sodass sie sich die Köpfe darüber einschlügen. Hihihi, kicherte Gott schadenfroh, und wenn ich ihrer überdrüssig bin, dann schmeiß ich das ganze Gelumpe ins Feuer. Zufrieden mit den angefertigten Skizzen machte sich Gott ein Bier auf. Dabei geschah etwas, mit dem er nicht rechnete. Ja, es fiel ihm noch nicht einmal auf, da er in Gedanken noch beim Diorama und den Menschen war. Beim Öffnen der Flasche berührten sich Gottes Daumen und Zeigefinger, was einen winzigen Lebensfunken hervorbrachte, der beim Einschenken aufs Bier übersprang. Aus jenem schicksalhaften Zufall aber, beseelt vom göttlichen Gedanken, glaub es oder nicht, sind wir Menschen hervorgegangen. Unbemerkt von Gott und doch aus seiner Vorstellung heraus. Und irgendwo dort draußen gibt es andere wie uns. Im Diorama. Wenn es sie noch gibt. Das Ploppen der Flasche war das, was wir als Urknall kennen. Und aus dem tosenden Chaos, das entstand, als Karlheinziska, wie Gott übrigens heißt, das Bier in sein Glas ergoss, setzt sich noch immer langsam unser Universum ab. Dieser Prozess dauert nach Menschenauffassung natürlich eine Ewigkeit. Für Karlheinziska aber entspricht die Zeitspanne die, wir vier Milliarden Jahre nennen, etwa anderthalb Sekunden. Dieses Glas jedenfalls enthält unser gesamtes Universum. Wir wissen ja inzwischen, dass es sich noch immer ausbreitet. Das ist gut, denn das bedeutet, dass sich das Bier noch nicht gesetzt hat und Karlheinziska vermutlich noch nicht davon trinkt. Aus streng geheimen Berechnungen geht weiterhin hervor, dass dieses unsere Sonnensystem, genannt Milchstraße, ein winziges Blubberbläschen im oberen Teil des unteren Drittels des Bieres ist. Das was wir Sterne nennen, sind lediglich Protonen, die um unsere Blubberbläschenatome kreisen. Dass das Weltall ansonsten schwarz ist, liegt am Aschenbechersiff. Hätte Karlheinziska Erdbeereisberge als Geschmackstoff für sein Bier verwendet, wäre alles um uns rosarot.

Nun aber begab es sich vor einigen hundert Jahren unserer Zeitrechnung, dass eine Sternschnuppe vom Himmel fiel und als kleiner Stein, kaum größer als ein Elefantenzehennagel, auf der Erde landete, auf der wir wohnen. Der Stein schlug ein auf einem Feld in Irland und der junge Paddy, der sich unterm Sternenhimmel an die Schafe kuschelte, sah dies geschehen. Eilig rannte er zum Einschlagkrater und sah den Meteoriten durch den dichten Bodennebel glühen. Er wickelte den Brocken in sein feuchtes Taschentuch und nahm ihn mit nachhause. Paddy schlug im Schuppen mit dem Hammer auf den Himmelskörper ein, da er Koboldgold darin vermutete. Tatsächlich aber floss ein Schlückchen Bier heraus, als sich nach stundenlangem Hämmern schließlich doch ein Riss ergab. Zwar war die unbekannte außerirdische Flüssigkeit so dunkel wie die Nacht, doch schlürfte Paddy munter alles von der Werkbank auf. Sofort wurde er blitzgescheit, denn was Gott auf Trab bringt, wirkt bei Menschen wahre Wunder. Sofort erkannte er Zusammensetzung und Rezept der schwarzen Brühe und schrieb emsig alles auf. Auch sah er ein, dass Salzwasser recht ungesund für Menschen ist, weshalb er sich notierte, besser Quellwasser zu nehmen bei der zukünftigen Herstellung. Ferner wurde ihm bewusst, wie blöde es gewesen war, eine unbekannte Flüssigkeit zu trinken, weshalb er sich mit einer symbolischen Geste den Schweiß von der Stirn wischte. Einen Monat konnte er nicht schlafen, so fit hatte ihn das Bier gemacht. Er entschied sich deshalb, das Gebräu mit Hopfen zu versetzen, dann im großen Stil in Fässer abzufüllen und kostenlos der ganzen Menschheit auszuschenken. Schließlich wäre es zu unser aller Wohl, weshalb es heute auch beim Anstoßen noch heißt „zum Wohl“. Nun war die Sache aber die, dass Paddy arm und karg war wie der Boden Monaghans und keiner seiner Nachbarn ihn als Sponsor unterstützen wollte. So ritt er denn auf einem Schaf gen Dublin, seinen Vetter Arthur Guinness anzupumpen. Ihm erzählte er vom Himmelsfelsen und vom Bier und von seiner Vision. Er präsentierte das Rezept und schwärmte von der höchst bemerkenswerten Wirkung, die das Bier auf Geist und Körper habe. Eine Brauerei wolle er bauen, damit alle Menschen auf der Welt vom Bier gescheit würden; dass sich ihr Geist entfalte und sie alles Existenzgezänk als dumm und unnötig erkennen würden. Frieden auf Erden und das Wissen um das ganze Universum – wunderbare Ziel könnten alle Menschen auf der Welt gemeinschaftlich erreichen, hätten sie nur genug Bier. Arthur hörte sich die hohe Rede von der guten Botschaft an, erklärte Paddy für verrückt, erschlug ihn auf der Stelle mit der Platonbüste und vereinnahmte das Bierrezept.

Sicher und verborgen lag der Fresszettel mit Paddys Formel jahrelang in Arthurs Kopfkissenbezug. Jeden Abend aber wälzte Arthur schwere Träume hin und her und überlegte oft halb wachend und halb schlafend, ob wohl doch etwas an der Geschichte dran sei. Schließlich obsiegte seine Neugier. Er zog das Rezept hervor und braute einen kleinen Eimer voll des Himmelstranks. Er soff sich heißen Mut an mit dem scharfen Whisky, den er liebte, dann setzte er den Eimer an und trank in tiefen Zügen von dem Bier. Erst am nächsten Nachmittag erwachte Arthur wieder, Blei im Schädel und den Geschmack von schaler Zigarettenasche auf der zähen Zunge. Er konnte sich an nichts erinnern. Er schlurfte in die Küche, um seinen Kater mit einem sauren Hering zu beschwichtigen und fand den Tisch bedeckt von Dutzenden Notizblättern. Verdutzt begann er durch die Aufzeichnungen zu stöbern. Er las, dass Bier von Gott erschaffen wurde, dass es Menschen weise machte und ein langes Leben bescherte. Auch die Weltfriedenstheorie, wie sie ihm Paddy vorgetragen hatte, fand sich wieder. Doch von alldem wusste der perplexe Arthur nicht mehr auch nur das Geringste. Auf einmal aber rief er Heurekarl, das ist es! Umgehend mietete er eine große Brauerei an. Er würde Bier brauen, damit alle Menschen davon trinken würden. Und er sollte ein Vermögen damit machen. Sein Charakter nämlich war vom Whisky schwarz gebrannt. Und Whisky hatte er auch letzte Nacht getrunken. Das zeigte sich an leeren Flaschen zwischen den Papieren. Und der Whisky hatte ihn vergessen lassen, was das Bier ihm in der Nacht so alles klar vor Augen führte. Er wollte also Bier abfüllen, das mit Alkohol versetzt war.

Ja, und seither gibt es Guinness in Irland und auf der ganzen Welt. Doch wer etwas von der göttlichen Wirkung spüren möchte, muss es teuer bezahlen. Schlimmer noch: All die schlauen Dinge, die einem beim Trinken einfallen, vergisst man wieder dank des Alkoholgehalts. Das Originalrezept nahm Arthur mit ins Grab. Und sämtliche Versuche, es zu rekreieren schlugen fehl. Freilich gibt es viele Sorten Bier inzwischen, doch sie alle sind alleine irdischer Natur. Nur Guinness ist göttlich und wirklich gut für dich. Leider trinken viele Menschen es dem Rausch und nicht der Weisheit wegen. Die meisten sind sich auch gar nicht bewusst, dass Guinness einst vom Himmel fiel. Weder dessen sind sie sich bewusst, noch dessen, wer wir Menschen sind und wo wir wirklich herkommen. So bleibt ihnen nur eins: Trinken, Trinken, Trinken. Denn irgendwann ist auch Gottes Pint leer. Alles Flehen, alles Beten nutzt rein gar nichts, denn unsere Existenz ist Gott vollkommen unbekannt, unser Dasein purer Zufall. Alles Wissen erlangen wir nur, um zu vergessen. Daher ist es besser, weniger zu wissen, damit wir nicht so viel vergessen können. Der Schaden ist geringer, der Spaß dafür umso größer. Sláinte!

 

 

 


Martin Brunner, 2002

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