Leon Löwenherz

Leon war der einsamste Junge auf der ganzen Welt. Tiefschweigend stand er in der Küche auf dem Tretschemel, lehnte auf dem Fensterbrett und nagte nachdenklich die letztmöglichen Nagelreste von seinem Daumen. Leon beobachtete den Spielplatz. Alle Kinder aus der Nachbarschaft waren dort. Nur Kilian nicht. Kilian war mit dem Auto verunglückt und gestorben. Sie hatten sich mehrfach überschlagen, der Wagen explodierte und Kilian verbrannte, weil er sich in seinem Sicherheitsgurt verheddert hatte. Leon war überzeugt davon. Sonst hätte Kilian ihn längst schon angerufen. Jetzt wartete Kilian darauf, dass die Küche brannte und Leon aus dem Fenster sprang, damit sie zusammen im Kirschtal in Nangijala leben konnten, wie die Brüder Löwenherz. Das wäre so cool. Aber Leon traute sich nicht. Der neunte Stock war ganz schön hoch und Leon wurde ein bisschen schwindelig, wenn er direkt nach unten sah. Außerdem hatte Mama gesagt, dass überhaupt nichts passiert wäre und dass Kilian bestimmt sofort anrufen würde, wenn er wieder aus Italien zurück wäre. Vielleicht war Kilian ja wirklich nicht gestorben, dachte Leon. Aber es fühlte sich eben so an. Kilian war sein allerbester Freund. Sie verbrachten jeden Tag gemeinsam. Sie saßen in der Schule nebeneinander, wählten sich immer als erstes in die Fußballmannschaft, fuhren auf ihren Scootern Seite an Seite durch unbekanntes oder feindliches Territorium und halfen einander auf, wenn ein Stunt misslang. Sie hatten auch ein Geheimversteck, das nur sie beide kannten: Auf den einen Autobahnpfeiler konnte man mit Räuberleiter hochklettern und durch die Lücke direkt unter der Fahrbahn kriechen. Da ging es schräg hinunter und in der Mitte war es fast so dunkel und geräumig wie in einer Höhle. Es tropfte zwar nicht, dafür dröhnte es gewaltig, wenn ein Laster über die Brücke brummte. Deshalb nannten sie ihr Versteck die Donnerhöhle. Hier hatten sie es sich gemütlich eingerichtet mit Kissen und Decken und ihrer Schatztruhe, in der sie alles versteckten, was ihnen bei ihren Streifzügen durch die Siedlung in die Hände fiel. Baustellenwerkzeug, Feuerzeuge, Kerzen, allerlei gefundener Schmuck befanden sich in der roten Plastikbox und sogar eine Zeitung, die ein Bild von einer Frau mit nacktem Busen hatte. In der letzten Schulwoche verbrachten sie jeden Nachmittag gemeinsam in ihrer Donnerhöhle und lasen sich gegenseitig die Brüder Löwenherz vor. Kilian hatte das Buch zum zehnten Geburtstag bekommen. Er konnte viel besser vorlesen als Leon, obwohl sie in die selbe Klasse gingen. Immerhin, er war ja auch fast ein ganzes Jahr älter und Übung macht den Meister, sagte Kilian immer und spornte Leon an, weiterzulesen, wenn er vor lauter Stammeln gar keine Lust mehr hatte. Kilian hatte Leon das Buch am letzten Schultag zum Abschied geschenkt. Kilian durfte die Busenfrau mitnehmen. Für was anderes gab es keinen Platz mehr in seinem Koffer. Sie verabschiedeten sich mit ihrem Spezialgruß, den nur sie aufsagen konnten: solche sechs wie uns fünf gibt’s keine vier anderen, denn wir drei sind die zwei einzigsten. Und dann war Kilian für immer weg. Von heute auf morgen. Seine Eltern zogen in ein anderes Land, ganz weit im Norden. Nach Hamburg. Und Leon hatte ihn einfach gehen lassen und nicht das Geringste dagegen getan. Kurz bevor sie wegzogen, saßen Kilians Eltern mit Leons Eltern im Wohnzimmer. Sie hatten angeboten, Leon mitzunehmen in den Urlaub nach Italien und ihn dann auf dem Weg nach Hamburg zuhause abzusetzen. Leons Eltern hingegen hatten gesagt, dass das den Abschied nur noch schwerer machen würde. Das hörte Leon während er in Kommandant Kilians Auftrag spionierte, ob noch Kuchen übrig wäre. Aber der Kuchen war schon restlos aufgegessen. Und das mit Italien behielt Leon für sich, als sich Kommandant Kilian nach der Lage erkundigte. Leon fühlte nach der Streichholzschachtel in seiner Hosenasche. Vielleicht sollte er doch die Küche anzünden und nach Nangijala springen.

Da hörte seinen Namen. Für eine Millisekunde dachte er, es sei Kilian. Nein. Es war Türkan, die ihn vom Spielplatz aus rief. Leon, komm runter, wir spielen gleich Versteckis. Leon hatte keine Lust. Türkan mochte ihn, das hatte sie ihm gesagt. Er mochte Türkan auch. Aber das hatte er ihr nie gesagt, weil er wollte nicht mit ihr befreundet sein. Dafür war sie einfach zu nett. Er hatte am Anfang der Ferien ein paar Tage lang versucht, mit ihr befreundet zu sein. Es gab nur ein Problem: man konnte einfach nichts mit ihr anstellen. Und fiese Witze konnte sie überhaupt nicht leiden. Kilian war immer zu Streichen aufgelegt. Türkan hingegen erschien Leon viel zu brav. Überhaupt waren alle Spielplatzkinder irgendwie komisch. Sie verbrachten den ganzen Tag nur auf dem Spielplatz, während Leon und Kilian die Gegend erkundeten, auf Schatzsuche gingen, Feuer machten und in der Donnerhöhle streng geheime Pläne schmiedeten. Mama hatte Leon auf den Spielplatz geschickt. Sie gab ihm sogar eine nagelneue Schaufel und einen Eimer voller Förmchen und sagte, dass es im Sandkasten genauso schön wäre wie in Italien am Strand, nur dass man keine Angst vor Haien haben musste. Leon hätte lieber einmal einen echten Hai gesehen. Aber Mama ließ nicht locker. Leon buddelte eine Weile mit den anderen Kindern. Es wurde eine große Burganlage gebaut mit hohen Türmen, tiefen Wassergräben und allem Drum und Dran. Jeder buddelte und matschte und patschte an seinem Teil der Burg herum. Şerif war immer der Scherriff. Weil er so hieß, sagten die anderen Kinder. Deshalb hatte er das Sagen und konnte bestimmen, wer wo graben und wer wieviel Sand wo aufschütten musste. Das gefiel Leon gar nicht und deshalb grub er nur mit halber Kraft. Auf einmal stieß er mit seiner Schaufel zu tief zu und aus den unergründlichen Tiefen des Sandkastens tauchte ein wütender Wüstenhai auf, sprengte die Burganlage in zehn Millionen Krümel und biss Şerif den Kopf ab, dass das Blut nur so spritzte. Das wäre übercool. Aber Şerif war dagegen und die anderen Kinder auch. Daraufhin verließ Leon den Sandkasten. Die Tage darauf versuchte er, sich mit Türkan anzufreunden. Sie war meistens damit beschäftigt, irgendetwas am Spielhaus zu verschönern. Sie kochte ihm immer sein Lieblingsessen – Spaghetti – aus langen dünnen Zweigen und mit Gänseblümchen. Das gefiel Leon zwar schon und es war eigentlich voll schön mit Türkan, aber eben auf Dauer doch zu langweilig. Dann gab es noch Dimi. Er turnte immerzu am Kletterbogen herum. Niemand schien sich für ihn zu interessieren. Weder auf dem Spielplatz, noch in der Schule. Er war meist allein. Vielleicht fehlt ihm auch sein bester Freund, dachte Leon und kletterte bis zur Mitte des Bogens, wo Dimi hockte und durch seine offenen Fäuste wie durch ein Fernglas in Richtung Aldi spähte. Mir siend sie auch dsu duhm, die Sanndelkiender, sagte er mit verstellter Stimme. Er klang wie seine Oma. Leon kicherte leise. Machst du dich über meine Oma lustig, Alta? Prollte Dimi leise und schubste Leon leicht an der Schulter. Jetzt äffte er Şerifs großen Bruder nach. Alta, deine Oma ist so alt, dass es auf der ganzen Welt Feinstaubalarm gibt, wenn sie furzt, prollte Leon leise zurück. Dem folgte eine Checkerfaust mit Explosion. Dimi war in Ordnung und er dachte sich coole Spiele aus. Einmal führte der Kletterbogen als Regenbogenbrücke ins Reich der Riesen und sie machten sich ganz klein und die anderen Kinder waren Riesen, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Oder der Bogen war ein Portal in eine andere Dimension voller fleischfressender Aliens. Nach ein paar Tagen fiel Leon allerdings etwas auf. Dimi war eigentlich nie Dimi. Oder vielleicht war er es, indem er es nie zu sein schien. Dimi mimte pausenlos. Das war super beim Spielen. Aber selbst in den Pausen konnte er kaum einen Satz sagen, ohne dabei in eine Rolle zu schlüpfen. Das kam Leon seltsam vor. Er wollte Dimi danach fragen, fand jedoch nie den richtigen Augenblick. Und dann fuhr Dimi mit seiner Familie für den Rest der Ferien nach Gali. Prinzessin Shayenne wäre in Leon verliebt, teilte ihm Lale eines Morgens mit. Shayenne war eine Kriegerprinzessin, die Chefin ihrer Mädchengang und kontrollierte den Kletterturm mit der Rutsche. Leon hatte ein wenig Angst vor ihr, doch das gab er nicht einmal Kilian gegenüber zu. Also verbrachte er einige Tage mit Shayenne und ihrem Hofstaat in ihrem Rutschenpalast. Alle Kinder, die klettern oder rutschen wollten, mussten Shayenne mit Kolakrachern bezahlen. Leon musste Shayenne auf den Mund küssen, wann immer sie es wollte. Du bist jetzt mein Prinz und du musst alles machen, was ich dir sage, befahl sie Leon. Anfangs hatte er gar nichts dagegen. Er konnte so viele Kolakracher essen, wie er wollte, konnte Küssen üben und fühlte sich sogar ein wenig verwegen, was ihm gut gefiel. Es machte ihm auch nicht viel aus, Kinder festzuhalten, die ihren Zoll nicht zahlen wollten, damit Prinzessin Shayenne ihnen Schellen oder Brennesseln verpassen konnte. Erst abends hatte er dann meist doch ein schlechtes Gewissen. Und Bauchweh von den vielen Kolakrachern. Die Abende waren sowieso das Schlimmste. Immer wenn Leon abends im Bett lag, vermisste er Kilian ganz schrecklich. Er wollte ihm so viel erzählen von all den komischen Spielplatzkindern. Die ersten zwei Wochen waren gerade noch so auszuhalten. Es war eben so, als ob Kilian mit seinen Eltern im Urlaub wäre. Doch dann, auf einmal, fiel ihm ein, dass er schon so lange nicht mehr in der Donnerhöhle gewesen war. Und schlimmer noch, dass er das Löwenherzbuch dort hatte liegen lassen, das letzte Geschenk, das Kilian ihm gegebenn hatte. In diesem Moment traf ihn die Gewissheit, dass er seinen allerbesten Freund wahrscheinlich in seinem ganzen Leben nie mehr sehen würde, wie ein Schlag mitten ins Gesicht, mitten ins Herz, mitten überallhin. Leon biss seine Zähne zusammen, versuchte gegen die Tränen anzukämpfen. Er versuchte, leise zu weinen. Es gelang ihm nicht. Er war zu klein, zu schwach und die Trauer überwältigte ihn wie eine dunkle Monsterwelle, dass er sich nur noch zusammenrollen und sein Gesicht im Kopfkissen vergraben konnte. Leon weinte. Sein ganzes Leben ergoss sich in unhaltbaren Strömen. Selbst als er keine Tränen mehr hatte, weinte er noch weiter. Bestimmt würde er blind werden, so brannten seine Augen und er würde nie mehr aufstehen können, so schmerzten seine Brust, sein Bauch, sein Rücken, doch das war alles ganz egal. Er hatte es auch nicht besser verdient. Er hatte Kilian einfach gehen lassen. Leon weinte und weinte und weinte. Erst als sein Zimmer bereits rot wurde, lag er still und starrte an die Decke. Nur ab und zu musste er noch schniefen. Nach einer Weile stand er auf. Er nahm einen Stuhl aus der Küche und schlich sich aus der Wohnung. Der Stuhl war schwer und Leon musste ihn an jeder Kreuzung einen Augenblick lang abstellen und seine Arme ausschütteln. Noch vier Kreuzungen und dann den ganzen langen Feldweg bis zum Baum trug er den Stuhl. Und dann bis unter die Autobahn. Er stellte ihn an, stieg bis auf die Lehne hinauf und erreichte gerade so die Kante des Pfeilers. Leon zog sich hoch und rutschte in die Donnerhöhle. Noch bevor er unten ankam, stellte er fest, dass etwas nicht stimmte. Etwas schlief in ihrer Höhle. Es schnarchte und es stank wie ein Saubär. Leon sah im Dämmerlicht, dass die Schatzkiste geplündert war. Ein Penner hatte sich in der Donnerhöhle breitgemacht und alle ihre Schätze geraubt und, den leeren Flaschen nach zu urteilen, alles für Schnaps ausgegeben. Leon kochte vor Wut. Doch er konnte nicht riskieren, den Penner zu wecken. Er schloss die Augen und zählte still bis zehn. Dann forschte er mit Adleraugen alles systematisch ab wie ein Detektiv. Er entdeckte eine Ecke des Buches, die unter Kilians Decke hervorlugte, auf der der Penner lag. Lautlos wie ein Ninja pirschte sich Leon millimeterweise heran und zog das Buch behutsam an sich. Der Penner drehte sich im Schlaf und Leon erstarrte für eine Schrecksekunde. Dann schlich er sich rückwärts an die Kante und kletterte am Stuhl herunter. Puh, geschafft! Leons Herz pochte wie wild. Was für ein Abenteuer! Und niemand, dem er es erzählen konnte. Betrübt steckte Leon das Buch in seinen Hosenbund und beschloss auf dem Nachhauseweg, dass er es nicht zu Ende lesen wollte ohne Kilian. Daheim schob er es tief unter seine Matratze. So war es sicher und er hatte immer eine Erinnerung an Kilian ganz dicht in seiner Nähe. Leon legte sich ins Bett und schlief. Den ganzen Tag stand er nicht auf und auch den nächsten nicht. Er sagte, er wäre sterbenskrank und Mama musste ihm Salzstangen und Kola bringen. Und Schokolade. Und Marie musste ihn in Ruhe lassen und durfte ihn nicht nerven, sonst würde er noch schneller sterben. Marie kam natürlicherweise trotzdem in sein Zimmer. Sie brachte ihm ein Eis und erzählte von ihren Ferien bei Onkel Uli und Tante Beate im Schwarzwald. Sie schien besorgt zu sein um Leon und versuchte wirklich, nicht zu nerven. Ich mache dir ein warmes Bad mit drei Deckeln voll Schaum, dann fühlst du dich bestimmt besser, schlug sie vor. Eines musste Leon Marie lassen, sie hatte ihn trotz allem Zanken und Nerven offenbar doch lieb. Und er sie auch. Nach dem Baden ging es Leon wirklich etwas besser und er schlief wie auf Wolken. Als er erwachte, fühlte sich Leon schon viel gesünder. Er frühstückte mit Mama, Papa und Marie. Danach ging er in sein Zimmer, um sich anzuziehen, und dort lag das Löwenherzbuch. Mitten auf seinem Nachttischchen. Leon spürte, wie es ihm eng wurde im Hals. Er musste wieder weinen. Den ganzen Vormittag. Kilian war also doch gestorben. Es gab keinen Zweifel daran. Und sein Geist hatte das Buch auf Leons Nachttischchen gelegt. Leon verstand. Und als er sich ausgeweint hatte, nahm er das Buch und schlug es dort auf, wo die Meister Wu Karte steckte. Übung macht den Meister, sagte er leise vor sich hin und begann zu lesen. Vier Tage lang las Leon und begriff immer mehr. Es war, als ob er Krümel war und Kilian war Jonathan. Vielleicht wollte Kilians Geist ja wirklich, dass er aus dem Küchenfenster sprang, dachte Leon zwischendurch, beschloss allerdings, zunächst das Buch zu Ende zu lesen. Er las, dass auch das Leben im Kirschtal nicht immer schön war. Es begann zwar als Paradies, doch dann wurde alles noch viel schlimmer. Zwischendurch musste Leon manchmal weinen und ganz am Ende wieder. Aber er wusste zum Schluss auch, dass es immer weiterging, egal, wie furchtbar und wie traurig alles war. So lange man nur den Mut nicht verlor, gab es immer Hoffnung. Und vielleicht würden er und Kilian sich irgendwann einmal wiedersehen. Das Küchenfenster allerdings schien Leon nicht mehr der richtige Weg. Am folgenden Morgen, nahm er sein Buddelzeug und machte sich auf den Weg zum Spielplatz. Er war gerade aus der Tür, als ihn Mama zurückrief. Leon! Telefon!


Martin Brunner, 2018

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