Die Legende vom Grabbeschdei, Variante 04: Der Hauptmann und die holde Maid – zwei Perspektiven

Zum besseren Verständnis:

Grabbeschdei (geschrieben wie gesprochen) ist Alemannisch für Rabenfels. Der Rabenfels ragt aus dem Wald über dem Dorf Herten (Baden) heraus. Der Legende nach wurde zur Zeit des 30-jährigen Kriegs eine junge Maid von schwedischen Soldaten bedrängt. Sie flüchtete auf einem Rappen, den sie einem der Soldaten entriss. Die anschließende Verfolgungsjagt endete vor eben jenem Felsvorsprung. Verzweifelt rieft die Maid: „Mutter der Barmherzigkeit, beschütze mich!“ und sprang auf dem Pferd vom Felsen in die Tiefe (weshalb er auch Rappenfels genannt wird). Der Schwedenhauptmann aber sprang ihr auf seinem Pferd hinterher. Wie durch ein Wunder überlebten sie und der Rappe ihren Sturz. Das Pferd des Hauptmanns aber war zerschmettert, der Hauptmann selbst lag schwerverletzt darnieder. Sie sah dann in ihm nicht mehr ihren Verfolger, sondern einen armen Menschen, dem geholfen werden musste. Sie bettete sein Haupt auf weichem Moos. Das rührte sein Herz und er gab ihr eine Geldbörse, bevor er starb. Von dem Geld ließ sie das Maria-Schnee-Kirchlein im Dorf wieder aufbauen, wobei die übrigen der schwedischen Soldaten halfen.

Vor genau 10 Jahren war 1200 Jahrfeier in meinem Heimatdorf (Herten, Baden-Wurttemberg, Germany). Zum Anlass haben mein Schulfreund, der großartige Zeichenkünstler Simon Koschmieder, und ich ein Buch veröffentlicht, das die örtliche Legende vom Grabbeschdei in 10 Varianten enthält. Zum Jahrestag habe ich euch eine Variante abgetippt.

In dieser freien Interpretation wechseln sich die Sichtweisen der Maid und die des Hauptmanns ab. Die Legende wird also jeweils aus der Sicht der Maid und des Hauptmanns erzählt. Beide erleben die selbe Geschichte, nur halt jeweils etwas anders, wie es ja oftmals ist. Innere Stimmen sind kursiv gestellt, wörtliche Rede steht gerade. Die Perspektive der Maid ist in Reimform, die Schilderung der Dinge aus Hauptmannsicht ist prosaisch.

 

Jetzt aber:

Die Legende vom Grabbeschdei, Variante 04:

Der Hauptmann und die holde Maid – zwei Perspektiven

 

 

Welch unbeschreiblich zarter Frühlingsmorgen!

Die Welt, sie scheint so leicht und ohne Sorgen.

Die Sonne öffnet sanft der Bäume Blüten

(mag Gott der Herr uns all wie sie behüten);

Die Hummel kitzelt neckisch sie am bummeligen Ende

Sagt ihr ‘s ist Tag: frisch an die Blütenstände

Die Gräser, noch im Tau, wippen schläfrig mit den Köpfen.

Marienkäfer freu’n sich dran und trinken von den Tröpfen.

Ah, wie lieblich alles duftet –

Wie rein der gute Ostwind luftet.

Die Vöglein trällern gnüglich unsrem Schöpfer ihren Lobpreis.

So will auch ich aus Herzens Wonne tirilieren.

Dem Markte zu mag ich spazieren,

Ein Frühstücksei für Muttern und für mich jeweils besorgen.

Gewiss, das wird sie freu’n an diesem schönen Frühlingsmorgen.

 

Mann, hab ich ‘nen Schädel. Verflixter saurer Wein. Ich glaub ich muss kotz… oah, das war gesund. Hurenhagel – Met schlägt nicht so auf den Magen. Der verdammte Planet sticht auch schon wieder grell wie Sau. Wär‘ ich bloß in Schweden geblieben. Gott hab ich Kohldampf. Jetzt geh ich noch kacken und dann trommel ich die Jungs zusammen. Ja.

He Jungs, ich weiß nicht wie’s euch geht aber ich hätt gern noch zwei dicke Eier mehr in der Hode, die ich mir zum Frühstück braten könnte. Sattelt auf, wir reiten ins Dorf. Mal seh‘n, ob die Bauerntrottel aufm Markt uns nicht ein Frühstück rauslassen. He, ein Frühstück gegen ihr Leben – ist ein gutes Geschäft für die, oder? Hahaha

 

Wie prächtig ist hier alles angeordnet.

Wie gern schon immer hab ich Muttern her eskortet.

(Doch sie soll trostens ihren Schnupper ruh‘n,

Verwöhnen will ich heute sie und was zu tun ist, eigens tun.)

Brot und Äpfel, Kohl und Rüben,

Käs von Kühen, Schafen, Ziegen,

Wurst und Fleisch und sogar Fisch;

Wie üppig deckt uns Gott den Tisch.

Wie braver Mensch mit Herz und Hand,

Mit Gottvertrauen und Verstand

Die Tiere nutzen kann und Ähren,

So sich und seine Lieben Nähren;

Wahrlich, ‘s ist bald Wundertat,

Beflügelt durch des Lieben Gnad‘.

Was ich begehr‘ bleibt lediglich zu finden.

Ah. Seh’s schon. Unter jenen Linden

Hat Güggel Wally ihren Stand.

Zum Gruße reich‘ ich euch die Hand

Und zum Geschäft.

Ich hätte gern zwei Eier;

Und macht sie mir nicht gar so teuer.

Zu früh mein Vater ist verschieden,

Ließ und nicht viel zurück hienieden.

Die letzten beiden preiswert, welch ein Glück!

Habt Dank ihr gute Frau. Nun eil ich flugs zurück.

Die Mutter freilich wird schon bald erwachen.

Macht’s gut! Verkauft recht viele Sachen!

 

Sag mal, willst du mich verarschen? He Leif, was meint die Alte mit „Ein jedes von den Huhngelegen schied längst von hier nach andren Wegen“? Ich hab gesagt, ich will ein Dutzend Eier. Jetzt rück endlich damit raus, sonst geht’s dir dreckig! Was soll das heißen „Die Zwiefalt, die das Ganz beschloss von einer Hand zur andren floss. Erworben jüngst, verzeiht, durch des Waldenhofens Maid“? Spricht denn hier keiner diese bescheuerte Sprache? Leif! Na endlich! So, verkauft hat sie alle Eier, wie? Und die letzten beiden gerade erst an das Mädchen vom Waldenhof, ja? Alte, heut ist nicht mein Tag. Und wenn es nicht mein Tag ist, ist es ganz bestimmt auch nicht deiner. Per, Erik, packt die paar Suppenhühner ein, die sie da noch hat, macht ein paar mundgerechte Happen für die Hunde aus dieser knorrigen alten Hexe und reißt ihre hässliche kleine Wackelbude ab! Leif, Ole, ihr kommt mit mir. Wenn ich Eier zum Frühstück will, bekomm ich die auch. Der Waldenhof ist ne ganze Ecke westlich von hier. Allerdings war das arme kleine Bauernkind sicherlich zu Fuß unterwegs, wenn sie nicht auf einem alten Ziegenbock zum Markt geritten ist, höhöhö, määh! Auf Jungs, weit kann sie noch nicht gekommen sein und mein Magen knurrt so laut, dass schon die Gäule scheuen.

 

Es schlägt schon Acht, ich hör die Kirchenglocken.

Wie weit mein Herz, seh ich die Lämmlein auf der Weide dort frohlocken.

So sacht das Gras sich neigt für mich, darauf zu wandeln;

So sacht auch ich will stets zum Wohle andrer handeln.

Doch halt – ich spitze meine Ohren.

Vernehm ich nicht von ferne ein Rumoren?

Mir ist als tönten aufgebrachte Rufe

Von Menschen und von Pferden auch die Hufe.

Was späh ich dort? Ein Haufen grimmiger Soldaten

Sprengt auf mich zu. Ich darf nicht länger warten!

Muss eiligst fliehen hinan in jenen Hain,

Mich dort verbergen zwisch Baum und Felsgestein.

Ich ahn es schlimm: Sie wollen mir nichts Gutes.

Es reizt der Fluss sie unschuldigen Blutes.

Hinan! Hinan! Durch Dornen, über Steine,

Die Zehen bersten, es reißt die Haut der Beine,

Doch, ach, sie nahen rasch mit grässlichem Gebrülle.

Voran! Voran! Es tilgt den Schmerz der Wille.

Oh wehe mir! Sie haben mich umzingelt!

Gleich wie der Natter totgeweihte Beute, seh ich mich eingeringelt.

 

Verdammter Pfaffe mit seiner Bimmelei am frühen Morgen. Mir spaltet‘s gleich den Schädel. Erinnert mich daran, dem frommen Mann einen Besuch abzustatten. Auf jetzt! Hüaaah! Bah! Von der verfluchten Reiterei wird mir ganz schwindelig. Ich sollte ins Lager zurück und mich noch ein paar Stunden aufs Ohr hauen. Ach schau an, dort vorne, das muss das Mädchen mit den Frühstückseiern sein. Da vorne läuft sie, Jungs! Horrido Tallali! Heda, Mädel, bleib sofort stehen und rück die Frühstückseier raus! Hörst du schlecht, du kleine Kröte? Per, Erik, ihr kommt genau rechtzeitig. Lasst sie uns einkreisen, bevor sie sich noch davon macht in den Wald. Ja Himmel, Arsch und Zwirn, jetzt rennt die wirklich in den Wald, das darf doch wohl nicht wahr sein. Heut ist wirklich nicht mein Tag. Dann wird sie auch noch kreischen, dass einem schier die Ohren bluten. Oh Mann, wär ich bloß Tischler geworden wie mein Vater. Heda! Nun bleib schon stehen! Gib mir meine Frühstückseier und wir lassen dich zufrieden. Halt sag ich, du stinkendes Bauernluder. Verfluchte dreckige Sauschlampe, hör jetzt endlich auf zu rennen oder ich schmeiß dir meine Wurfaxt in den Rücken! So! Jetzt haben wir dich endlich. Lasst doch die Schwerter stecken, Männer. So feines Material soll man nicht mit grobem Werkzeug schnitzen. Sitzt mal ab!

 

Mit Teufels Häme Fratzen von den Pferden

Steigen alle sie herab, an mir der Sund‘ zu werden.

Zu Hilf! Zu Hilf! Hört keine Seel mein Flehen!

Zu Hilf! Zu Hilf! Sieht keine Seel die Wölf ums Rehlein stehen!

Zu Hilf! Es wird ein Leid mir angetan!

Ich bitt‘ euch, Herr, lasst ab von eurem Wahn!

Vater unser, der du bist im Himmel.

Geheiliget werde dein Name.

Zu uns komme dein Reich.

Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.

Unser täglich Brod gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schulden wie wir unseren Schuldigern vergeben.

Und führe uns nicht in Versuchung.

Sondern erlöse uns von dem Übel.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Gegrüßet seist du Maria voll der Gnade.

Der Herr ist mit dir.

Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes.

Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Amen.

Gegrüßet seist du Maria voll der Gnade.

Der Herr ist mit dir.

Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes.

Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Amen.

Gegrüßet seist du Maria voll der Gnade.

Der Herr ist mit dir.

Du bist gebenedeit unter…

Lasst ab! Ich bitt auf Knien: seid

Erbarmungsvoll. Gestattet mir Geleit!

Rührt mich nicht an mit euren derben Händen!

Gott, gib mir Kraft! Er soll mich nimmer schänden!

Beherzt ein Ruck! Und dann sich umgedreht!

Nicht auf der Hut ist, der bloß lachend steht.

Maria, lenk den Schwung in meinem Tritte,

Dass er ins Ziel gelangt: des Spötters Schritte Mitte.

Fürwahr gelungen! Er hält sich seinen Schoß!

Nun ohne Zaudern hinauf aufs schwarze Ross.

Und noch ein Tritt! Dem Nebenmann die Ferse auf den Grind!

Es ist vollbracht. Nun lauf, mein Pferd! Geschwind, geschwind, geschwind!

 

So, auf jeden Fall kriegst du erstmal eine gescheuert dafür, dass du abgehauen bist. Ja, ganz dick, ich hab dich noch nicht mal angerührt und schon das volle Programm. Halt die Klappe, oder ich hau dir aufs Maul bis du lachst und dann, weil du lachst! Da! Jetzt hast du ‘n Grund zum Heulen! Jetzt pass mal auf, falls du das nicht mitbekommen haben solltest: es herrscht Krieg. Davon versteht ihr blöden Bauern ja im Allgemeinen wenig. Aber es ist so, dass wir Soldaten im Kriegsfall nun mal ein Vorrecht auf Frühstückseier haben, weil wir besonders viel Kraft zum Kämpfen brauchen. Da kann nicht einfach jedes dahergelaufene Bauerngör die letzten zwei Eier kaufen, wenn es genau weiß, dass es auch hungrige Soldaten im Dorf gibt. Ihr sollt mal schön euren Haferschleim mampfen und die nahrhafteren Sachen überlasst ihr besser den wichtigen Leuten. Wir Soldaten sind die Werkzeuge, die die Welt nach dem Willen des Königs, und damit auch nach dem Willen Gottes formen. Die Welt wandelt sich fortlaufend. Gott liebt eben die Abwechslung. Ihr merkt doch davon gar nichts. Tagein, tagaus pflügt ihr den gleichen Boden. Jahrein, jahraus erntet ihr immer dasselbe: Kartoffeln, Rüben, Dinkel. Ihr bewegt nichts, darum braucht ihr auch nicht so viel Kraft. Sag mal, hörst du mir eigentlich zu? Dich werd ich lehren. Komm her! Hör auf, dich zu wehren, sonst bricht dein dünnes Ärmchen noch ab. Wenn du die Eier nicht freiwillig hergibst, muss ich sie mir eben holen. Wo hast du sie? Hör auf zu zappeln, sag‘ ich dir! Verflixtes kleines Wiesel. He! Komm wieder her! Ole, Per, haltet sie fest! Das glaub ich ja nicht. Verdammte Scheiße, ihr seid Soldaten und lasst euch überrumpeln von so einem barfüßigen Bauernflittchen. Himmeldonnerwetter nochmal! Leif, Erik, kümmert euch um die zwei! Ich reite ihr nach! Warte nur, dich krieg ich schon. Von wegen, ein Pferd klauen und damit durchbrennen. Noch dazu mit meinen Eiern.

 

Mit Himmels Fug ohn Harm ich konnt enrinnen

Der Schurken Fänge. Doch nun im Wind von hinnen!

Wie sitzt das Grauen mir in allen Gliedern.

Noch immer tropft der Schreck mir von den Lidern.

Ach, wär ich doch schon längst wieder zu Hause.

Wie huldvoll scheint mir itzt die morsche Klause.

Ach, wär ich nie allein ins Dorf gegangen.

Um Leib- und Seelenwohl müsst‘ ich nicht bangen.

Und erst die Mutter (gewiss inzwischen wach)

Ganz ohne Fürsorg so fiebrig noch und schwach.

Wie schmerzlich ist’s, im Geist mir zu beschreiben,

wie sie sich grämen mag, nicht ahnend mein Verbleiben.

Was nun? Mich dünkt, ich hör’s schon wieder schallen.

Mädchen, halt fest! Nur nicht vom Pferde fallen!

Es darf nicht sein. Der Hauptmann kommt mir nach.

Lauf, Rappe, lauf, als wenn die Brems‘ dich stach!

Jetzt gilt’s. Muss trefflich manövrieren.

Ab in den Forst, dort wird ich ihn verlieren!

 

Reite nur zu, du gehst mir doch nicht durch die Lappen! Mich wundert’s ja, dass sie sich auf Oles Pferd halten kann. Der buckelt normalerweise jeden Fremden sofort runter. Schneid hat sie ja, das muss der Neid ihr lassen. Gerissenes, kleines Biest. Ich bin vielleicht stinksauer! Das wird nicht gut ausgehen für dich, Kleine. Ich bekomm‘ schon noch meine Frühstückseier. Und mittlerweile hab ich auch unheimlich Lust auf einen süßen Nachtisch. Das muss man den Alamannen zugestehen: sie haben hübsche Töchter. Schwedinnen und Alamannentöchter. Dafür mag man morden! Wenn ich bloß an die krummnasigen Bohnenstangen der Hessen denke oder die schieläugigen, dummen Schwäbinnen, wird mir schon wieder speiübel. Und erst die kratzbürstigen Bachen der Preußen. Pfui Deibel! Gleich bin ich an ihr dran. Bleib stehen im Namen des Königs! Halt augenblicklich an, oder du bist des Todes! Sie legt an Tempo zu. Das lass ich mir gefallen. In den Wald also. Schlag nur deine Haken, Häschen! Ich fang sich doch.

 

Du edles Tier, mit sich’rem, starkem Bein

Sollst du mich tragen in Waldes Herz hinein.

Der Wind frischt auf, hebt an zu stürmen.

Vorbei geht’s an geschleiften Türmen.

Der Himmel drückt sich immer tiefer,

in Schwarz und Grau wie roher Schiefer.

Blitze spalten Bäume Wipfel,

Donner wringt der Wolken Zipfel.

Ich bitt‘ dich, Schwarzer, bleib mir treu,

Werd nicht ob dem Gewitter scheu!

Hab Acht! Es hat was umgeweht,

Wo Schwanders Kreuz am Wegrand steht.

Behände, Rappe, nun gesprungen!

Wie Messer sticht die Luft die Lungen.

Gibt’s kein Entrinnen vor dem Manne?

Dort vorn steht schon die Jägertanne.

Auf Wegen scheint er nicht zu schlagen,

Nur querfeldein bleibt es zu wagen.

Der Wind, er heult wie tausend böse Geister.

Von meiner Furcht, meiner Bedrängnis speist er.

Mit scharfen Krallen furcht er in mein Antlitz,

zieht grausige Grimassen wenn es lang blitzt.

Lauf schneller, lauf! Hinab, hinan!

Ich halte mich so gut ich kann.

Durchtränkt von Regen das Gewand,

Vor Kälte starr und steif die Hand.

Das Herz springt schier mir aus der Brust.

Lauf schneller, Tier, du musst! Du musst!

Was bleibst du steh’n? Du darfst nicht stocken!

Warst brav bis hier, nun willst du bocken?

Ach weh! Ich seh’s! Es kann nicht sein!

Die Hoffnung fährt, ich bleib allein,

Zu sterben auf dem Rabenstein.

 

Hü! Lauf zu, du dummer Gaul oder ich brate dich zum Frühstück! Bei Gott, mein Hunger ist wohl groß genug, dass ich dich verputzen könnte. Sie mal einer an! Die alte Hertenburg. Scheint nicht viel übrig davon. Jammerschade. Hier hätten wir angemessener gelagert als in dem Nebelloch am Fluss. Hurenhagel, jetzt zieht auch noch ein Gewitter auf. Na toll, schon fängt’s an zu Schiffen. Ich schwör, ich mach Hackfleisch aus der Schlampe, wenn mir das Kettenhemd rostet. Ha! Ein Baum liegt über dem Weg. Das schafft sie nie im Leben! Haa! Lauf schneller, Großer! Zum Endspurt! Gleich sitzt sie in der Falle! Wie in Dreiteufelsnamen? Hopp! Über den Stamm! Streck die alten Knochen! Gib’s auf, kleines Mädchen, ich hab dich gleich!  Wieso geht ihr der verfluchte Gaul nicht durch bei dem Gewitter? Ich hab schon fast Respekt vor der Kröte. Wie, jetzt durchs Gebüsch? Die reitet ja vielleicht einen Stiefel zusammen! Mann, ist das ein Sauwetter. Durchs wird sie sich aber wirklich nicht im Sattel halten können. Bah! Ich bin triefnass. Die Pest soll sie holen. Ich dreh um. Nein! So einfach kann sie’s nicht haben. Soll sie die Frühstückseier von mir aus behalten. Wahrscheinlich sind die eh schon kaputt. Aber Oles Pferd nehm ich ihr ab. Verdammt! Wo zum Teufel ist sie denn jetzt hin? Es ist doch eine Hexe! Eine listige, kleine, wunderschöne Hexe. Dort vorne steht sie ja. Ist das eine neue Teufelei, oder gibt sie sich endlich doch noch geschlagen? Trab‘ an, alter Kläpper! Heda! Na, gibst du endlich auf? Wird ja auch verdammt nochmal Zeit! Reife Leistung bisher, muss ich schon sagen!

 

Weh mir! Er naht! Nun bin ich ganz verloren!

Muss scheiden aus der Welt, in die ich ward geboren,

So jung. Kann nichts mehr nach mir lassen,

Das meiner sinnt. Muss ‘innrungslos verblassen.

Geliebte Mutter, werd niemals mehr dich herzen.

Stell mir ein Licht auf, wohl neben Vaters Kerzen.

Ins Paradies, um dort mit ihm zu weilen,

Soll meine Seele in dieser Stunde eilen.

Wir woll’n von dort als Sterne dir stets scheinen

Zum Trost. Nicht weinen! Die Zeit wird uns vereinen.

Das Aug des Peinigers, ich seh es lüstern blitzen.

Herrgott, verzeih’s, er soll  mich nicht besitzen!

Ein letzter Sprung. So flieh ich vor der Sünde,

stürz‘ mich hinab in gähnend tiefe Gründe.

Wohlan, mein Rappe, sping zu in Gottes Hand!

Er liebt auch dich, den in der Not als Freund ich fand!

Mein Leben ich empfehle dir und bitte dich:

Mutter der Barmherzigkeit, beschütze mich!

 

Sie scheint tatsächlich dort stehen zu bleiben, Na, zum Glück. Ich hab schon lange keine Lust mehr. Ich will endlich was zu essen und mich an ein warmes Feuer setzen. Ich werd langsam zu alt für diesen Quatsch. Vielleicht sollte ich sesshaft werden. So schlecht ist ja so ein Bauernleben bestimmt gar nicht. Eintönig vielleicht, aber dafür weiß man jeden Abend schon, wie der nächste Tag sein wird. Als Soldat kannst du nie wissen, was morgen ist. Jeder Tag ist womöglich der letzte. Ich hab die Nase voll davon. Ich wird einfach die Kleine heiraten! Mit so einer Frau an der Seite kann es auch als Bauer gar nicht langweilig werden. Ah, ich hör die Jungs hinter mir aufschließen. Endlich ist der Spuk vorbei. Heda! Mädchen! Hab keine Angst mehr! Mir gefällt dein Mut und auch der Rest von dir! Heirate mich! Es wird dir gut ergehen. Jetzt springt die doch wieder los! Aber diesmal ist ihr Vorsprung zu klein. Schwing die Hufe, Großer, hol die Braut schnell ein! Scheiiißeee!

 

Die Zeit steht still, ich spür‘ die Erde beben.

Bin blind und taub, kann nichts mehr von mir geben.

Nun scheint’s vorbei. Ich wag’s, ein Lid zu heben.

Das Wunder wahr! Bin unversehrt am Leben!

Maria preis! Du liehst dem Rappen Flügel!

Führtest ihn sicher an unsichtbarem Zügel.

Zu guter Letzt nun scheint die Hatz beendet.

Endlich nach Haus, sich nicht mehr umgewendet!

Ein Klagelaut! Der Hauptmann liegt in Schmerzen.

Kann ihn nicht lassen. Er rührt mich tief im Herzen.

Gleich wie sein Pferd liegt auch er selbst in Trümmern.

Und leidet Qualen. Ich muss mich um ihn kümmern.

Denn kein Mensch je, was immer er getan,

verdient zu leiden, wo Leid man lindern kann.

Der Sturz war hart, ihr seid zu schwer verletzt.

Kann nichts mehr tun, als beizusteh’n euch jetzt.

Als Gnadenopfer gebt ihr euer Geld.

Habt Dank. In Frieden verlasst ihr diese Welt.

Verlor’ner Sohn, ist auch der Leib zerschunden,

Hat euer Geist nun doch zu Gott gefunden.

Habt keine Furcht, ich werde für euch beten,

Dass er auch euch begnad, in sein Reich einzutreten.

Vom kleinen Teil des Gelds lass ich erbau’n

Ein Grabmal auf dem Hügel, der aus dem Dorf zu schau’n.

Dort sollt getrost die letzte Ruh ihr finden.

Zum Angedenk umringen solln’s fünf Linden.

Marias Kirchlein aber soll es großen Teils

Zu neuem Glanz verhelfen. Zu Ehren ihrer,

der Mutter unsres Heils.

 

Verdammt nochmal! Wo kommt denn auf einmal der Abgrund her! Alles dreht sich um mich. Himmel, Arsch, Zwirn, wenn ich wenigstens mal wo aufkommen würde. Wie tief ist denn dieses verfluchte Loch? Springt einfach hier runter. Verdammte Weiber; aus denen wird mal einer schlau! Au, au, au! So viele Knochen kann ich doch gar nicht haben, wie mir gerade wehtun. Der vermaledeite Gaul liegt ja auf mir drauf. Tot wie ein Stein. Blödes Biest! Na, das war ja klar. Jetzt kommt sie an, ohne ’nen Kratzer. Und heult mir wahrscheinlich gleich die Ohren voll, was für ein Arsch ich doch bin, ihr den ganzen Vormittag lang nachzustellen, bla, bla, bla, obwohl ich hier am Krepieren bin. Und schon geht’s los! Verdammte Kacke, ich kann kaum atmen mit dem ganzen Blut in meinem Mund und meiner Nase und die muss mich zutexten. Heute ist wirklich nicht mein Tag. Lass mich bloß in Ruhe, du heimtückische Hexe! Hier! Ich geb dir meinen ganzen Geldbeutel voll mit Goldstücken, aber mach dich fort! Scheiße, tut mir alles weh! Was redet die denn immer noch? Odin, nimm mich auf in dein Walhalla! Und beeil dich bitte ein bisschen damit! Jetzt halt schon die Klappe, Mädel, und lass mich in Frieden sterben! Geh dir von der Kohle neue Frühstückseier kaufen und ein Paar Schuhe, aber hau endlich ab! Odin! Mach hinne! Mann, bitte, bitte verpiss dich endlich und hör gefälligst auf, mir dauernd durch die Haare zu fahren! Du hast ja wohl…

 

 

 

——————————–

Martin Brunner, 2007

Illu: Simon Koschmieder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.