Messias 239

Es war im Jahre T03 nach der neuen Zeitrechnung, als ich ein letztes Mal den Kampf gegen den alten Äon aufnahm, zweifellos entschlossen den großen Spieler selbst an meinen Fäden zu lenken. Ich überwand mich selbst, lähmte meinen innersten Willen durch die Einsicht in eine längst fällige Notwendigkeit. Ich duckte mich Deckung suchend in Schatten geheuchelter Selbstlosigkeit, hungerte – fast zu lange – hielt mich am Leben mit Halbwahrheiten, nagte hier und da an falschem Ruhm und giftiger Ehre.

Ich sprach und viele folgten. Einsam, aber nie alleine heckte ich, grübelte und harrte, säte Spannung, sprühte Misstrauen in die Köpfe derer, die standen. Die Angst wuchs.

Schließlich, nach siebzehn Jahren, in denen meine Frucht gedieh, während ich allezeit zu verderben drohte, nahm ich die geschwungene Klinge in die beinah schon zu schwachen Hände, gab ihr einen letzten Streich mit jenem Wetzstein menschlichen Stumpfsinns, welcher sich seit Zeiten im Meere aller Tränen kristallisiert hatte, stetig wachsend, um endlich den ersehnten Stahl zu schärfen. Ich wetzte und ich erntete.

Sie fielen. Alle fielen. Ihre künstlichen Sehnen barsten an der blanken Schneide. Dann hielt ich Ihn selbst beim Kreuz. Ich hob Ihn an, schaute, musterte, runzelte, schüttelte meinen Kopf enttäuscht darüber, was ich sah und warf Ihn in das ewige Feuer der Gerechtigkeit. Die Flammen zehrten ihn ganz auf, gleich wie all den elenden Rest.

Ich war frei – alle waren frei. Nun endlich war ich König über Himmel, Erde, Hölle.

Ich besah mein Reich und fand mich bestätigt: So konnte, wollte ich die Welt nicht halten. Das Böse brannte, die Folgen jedoch wirkten nach. So drückte ich selbst auf den Knopf, die Reaktion zu katalysieren. Das weiße Licht reinigte gründlich und ein für alle Mal.

Nur ein paar wenige überlebten – die Unterirdischen. Sie waren immer unten gewesen, kannten kein Aufbegehren. Sie kamen hervor nach der Stille, erfreuten sich an dem was war, vollauf zufrieden, denn Frieden herrschte. Zeit der Kriege, Zeit ohne Kriege – das war vorbei – es herrschte endlich wahrer Frieden.

 

 

 

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Martin Brunner, 2001

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