Einfach so

„Komm, lass uns einander liebhaben“, sagte das Eine zum Anderen. „Au ja. Aber wie?“, sagte das Andere. „Ich habe gehört“, sagte das Eine, „es kribbelt im Bauch, wenn man sich liebhat.“ „Wir können es ja mal probieren“, willigte das Andere ein. Und so kribbelten sie sich für eine Weile die Bäuche und lachten und kicherten dabei, weil sie so kitzlig waren. „Ich glaube, das funktioniert nicht“, sagte das Eine. „Nein.“, schlug das Andere vor, „Das ist zwar lustig, aber Liebhaben muss doch etwas Anderes sein. Ich habe gehört, man hat Schmetterlinge im Bauch, wenn man sich liebhat. Lass und Schmetterlinge fangen und sie essen. Je mehr wir fangen und essen, desto mehr werden wir uns liebhaben.“ „Also gut“, antwortete das Eine. „Einen Versuch ist es allemal wert.“ Da gingen sie und fingen viele Schmetterlinge und aßen alle auf. „Und?“, fragte das Eine, „wie fühlst du dich jetzt?“ „Mir ist der Magen flau. Und ich bin ein wenig traurig. Es ist doch schade um die schönen Schmetterlinge.“ „So geht es mir auch“, bestätigte das Eine. Sie saßen eine Weile da und überlegten. „Das mit dem Kribbeln war zwar schön, aber doch bestimmt nicht das ganz Richtige“, sinnierte das Eine. „Jaja. Es muss schon etwas Ernstes sein, wenn man sich liebhat“, fuhr das Andere fort. „Da hast du recht!“, rief das Eine, „Jetzt fällt es mir ein: Wir müssen uns gegenseitig schöne Dinge schenken und wertvolle Ringe und dann einander ganz ernst und ganz tief in die Augen sehen. So macht man das, wenn man sich liebhat.“ „Das klingt sehr ernst und sehr feierlich. Und sehr teuer. Das ist bestimmt das Richtige. Es heißt ja auch, man sei sich lieb und teuer, wenn man sich liebhat“, stimmte das Andere zu. Sie gingen also los und kauften einander die schönsten Dinge und wertvollsten Ringe. Sie steckten die Ringe einander an und sahen sich lange Zeit ganz ernst und ganz tief in die Augen. Doch da zuckte das Eine nur ganz leicht mit dem Mundwinkel und schon war es auch um das Andere geschehen. Wieder lachten und kicherten sie. Doch dann waren sie betrübt. „Vielleicht soll es einfach nicht sein“, meinte das Eine. „Aber wir möchten uns doch beide so gern liebhaben. Es muss doch einen Weg geben, wie wir das hinbekommen“, klagte das Andere. Lange schwiegen beide und überlegten angestrengt. „Also eine Sache könnten wir noch ausprobieren“, brachte das Eine schließlich vor. „Alles möchte ich ausprobieren“, antwortete das Andere. „Warte hier“, sprach das Eine, „ich komme gleich wieder.“ „Ist gut“, sagte das Andere. Es wartete und wartete. Bald wurde dem Anderen ganz mulmig zumute und es begann sich die Fingernägel abzukauen. Endlich kehrte das Eine zurück. „Was hast du da mitgebracht?“, wollte das Andere wissen. „Eine große Flasche vom besten Gift“, antwortete das Eine. „Erst trinke ich davon und dann du. Wenn man das macht, dann hat man sich lieber als alles andere auf der Welt. Wenn das nicht funktioniert, können wir uns gar nicht liebhaben.“ „Nein!“ Das Andere widersprach auf einmal ganz energisch. „Nein. Das will ich nicht.“ „Aber es ist das Einzige, was uns noch bleibt, wenn wir uns wirklich liebhaben wollen“, gab das Eine zu bedenken. „Nein!“, rief das Andere wiederum entschieden, „Das ist falsch. Das ist alles ganz, ganz falsch!“ „Was meinst du?“, fragte das Eine erstaunt. „Wenn ich Gift trinke, dann sterbe ich und dann bin ich tot und nicht mehr da. Möchtest du das?“ „Oh. Da hast du recht“, räumte das Eine ein, „Soweit hatte ich das gar nicht durchdacht. Nein. Das möchte ich nicht. Und wenn ich das Gift trinke, dann sterbe ich ja auch und bin dann auch tot und nicht mehr da. Möchtest du das? Ich könne es verstehen, wenn du wölltest, wo ich doch so eine große Dummheit gemacht habe.“ „Nein. Das möchte ich nie und nimmer“, sagte das Andere und streichelte dem Einen tröstend die Wange. „Und weißt du was?“, sprach es weiter, „Ich glaube, das ist alles. Ich glaube, wenn zwei froh sind, dass sie einander haben, dann haben sie sich lieb. Einfach so. Mehr braucht es dazu nicht. Kein darüber Nachdenken, Kein Kribbeln, keine Schmetterlinge, keine schönen Dinge, keine wertvollen Ringe und keine große Flasche vom besten Gift.“ „Ja. Das sehe ich jetzt auch ein“, freute sich das Eine, “Pfeif auf alles Weitere. Ich bin froh, dass es dich gibt. Einfach so.“ „Und ich bin froh, dass es dich gibt. Einfach so. Pfeif auf alles Weitere!“ jubelte das Andere. Und sie nahmen einander in die Arme und herzten sich lange und hatten sich sehr lieb. Einfach so. „Du“, sagte das Eine irgendwann, „wollen wir einander nochmal die Bäuche kribbeln? Das war doch trotz allem schön.“ „Au ja“, sagte das Andere, „einfach so.“

 

 

 

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Martin Brunner, 2017

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