Blubberblasen

Line lag im Bett und fühlte sich wie der Mount Everest. Oder zumindest wie ein riesengroßer, gigatonnenschwerer Stein. So wie einer dieser Felsentypen von den Osterinseln. Grau und kalt, viel zu gewichtig und total verkopft. Eigentlich wollte sie schlafen. Doch die warme Honigmilch wollte nicht so recht wirken. Als Kind war sie immer selig eingeschlafen nach einer warmen Honigmilch. Noch immer war es Winter. Kalt und nass und dumm und dunkel. Line hatte keine Lust mehr. Keine Lust aufzustehen. Keine Lust arbeiten zu gehen. Keine Lust überhaupt jemals das Bett wieder zu verlassen. Einfach für immer liegen bleiben. Sich einmummeln in eine dicke Daunendecke und ihre Ruhe haben. Das wär‘s. Unzufrieden nestelte sich Line ihre knotige Hohlfaserdecke zurecht; so gut es eben ging. Auch so eine Sache. Wenn sie eine kuschelige Daunendecke hätte, könnte sie bestimmt gleich viel besser schlafen. Schon oft hatte sich Line überlegt, sich eine neue Bettdecke zu kaufen. Aber diese hier war ja eigentlich nicht kaputt. Nur halt manchmal unbequem und knotig. Meistens fiel ihr das nicht einmal auf. Heute aber schon. Line grübelte. Warum muss aber auch immer alles so kompliziert sein, dachte sie. Oder bildete sie sich das nur ein und es lag in Wirklichkeit an ihr? Quatsch. Wenn es nach mir ginge, wären die Dinge viel einfacher. Wenn’s nach mir ginge, würden die Leute einfach mal ein wenig über ihr Verhalten nachdenken und vielleicht auch mal ein bisschen mehr Rücksicht auf andere nehmen. Aber das fällt denen ja im Traum nicht ein und deshalb muss ich immer alles ausbaden. Ungläubig schüttelte Line ihren Kopf auf dem Kissen. So würde das nichts. Seufzend drehte sie sich auf den Bauch. Das konnte doch nicht sein, dass sie wirklich die einzige auf der ganzen großen Welt war, die einfach mal ein bisschen Nachdenken konnte. Es war ja weiß Gott nicht so, dass sie allwissend war. Sie hatte auch keinen Masterplan. Die meiste Zeit wusste sie selbst überhaupt nicht was los war und improvisierte einfach. Das war auch lange gut gegangen. Aber jetzt ärgerte sie es, dass sie immer für alles und jeden einen Plan haben sollte. Das war überhaupt nicht ihr Ding. Das war einfach nur anstrengend. Es saugte sie aus und machte sie schwer. Dreieinhalb Jahre hatte sie das nun versucht, immer eine Antwort zu haben und einen Plan. Fake it till you make it, dachte sie. Das ist nur das Erwachsensein, irgendwann gewöhnst du dich da dran, das ist ganz normal und geht halt nicht von heut auf morgen. Aber Sie hatte sich nicht dran gewöhnt. Im Gegenteil, sie hasste es. Sicher, es war ihre Entscheidung gewesen. Fester Job, geregeltes Einkommen, feste Beziehung, und vielleicht sogar Familie. Mittelfristig. Aber als es dunkel wurde und nass und kalt und dumm, schien das alles zunehmend verkehrt. Es war nicht so, dass sie ihre Arbeit nicht mochte oder die Menschen um sie herum, nur vermisste sie die Wärme und das Licht. Das hatte nichts mit dem Wetter zu tun. Es fehlten ihr ihre eigene Wärme und das eigene Licht. Line erinnerte sich an den Wasserboiler im Bad ihrer Großmutter. Als Kind durfte man noch einen Zauber in Sachen entdecken und sich ganz unreflektiert über einfache Dinge freuen. Und Line war fasziniert von dem großen, weißen Kasten an der Wand. Wann immer sie bei ihrer Oma war, schlich sie sich ins Bad, stellte sich auf den mit grünem Wuschelstoff bezogenen Toilettendeckel und spähte durch den Sehschlitz in den Boiler. Darin brannte immer eine kleine Flamme. Und manchmal, wusch!, wurde die Flamme größer und zu einem richtigen Feuer. Line war davon überzeugt, dass das eigentlich verboten war. Es war eine heimliche Flamme. Line versprach der Flamme immer zum Abschied, dass sie niemandem verraten würde, dass sie sich im Boiler versteckte. In Line hatte es lange nicht mehr wusch! gemacht. Sie fühlte sich, als ob die kleine Flamme in ihrem Innern erloschen war. Erstickt von all dem Erwachsensein und sich um alles kümmern müssen. Ausgepustet vom Ernst des Lebens. Wegen Brandschutz. Line wälzte sich auf die Seite und zog die Beine an, so eng sie konnte. Sie stellte sich vor, wie sich ein Schutzschild bildete um sie herum, das sie abschirmte von all den Dingen, die sie so schwer machten. Sie wollte wieder leicht sein, so wie früher. Line stellte sich vor, wie sie geschützt und schwerelos in einer schillernden Seifenblase ganz gemütlich durch die Lüfte wehte. Das war schön. Aber was, wenn die stachelige Realität sie abstürzen ließe? Nein! Nichts davon! Line hauchte ihr Bedenken kurzerhand an die Blase, die es aufnahm und als farbenfrohe Schlieren auf der Oberfläche verteilte. Das gefiel Line. Sie atmete tief ein und hauchte den grässlichen Winter an die Blase. Danach ihre unfluffige Knötchendecke. Die schale Heizungsluft. Den unabgewaschenen Milchtopf, der noch auf der Herdplatte stand. Und den Karies, weil sie sich nicht die Zähne geputzt hatte vor dem Zubettgehen. Über sonnig saftige Wiesen schwebte Line hoch über Blumen und Bäumen in ihrer bunten Blubberblase. Sie freute sich darüber, wie die leuchtenden Kringel auf der Blase sich in Unendlichkeit verschlangen. Sie staunte über die Weite der Lavendellandschaft und genoss die sanfte Strömung der Luft. Nach einer Weile aber fühlte sie ein Wabbeln. Ein Ruckeln. Ein Zucken und ein Zubbeln an ihrer schönen Blubberblase. Sie sah sich um und bemerkte vor sich einen farbenverachtenden Sumpf, aus dem andere Blasen aufstiegen, die sich ihr von allen Seiten näherten. Ekelhafte, dicke Ölpestblasen, die mühselig vor sich hin, doch unbeirrbar auf sie zu dümpelten. Mehr und mehr solcher zäh tropfenden Ölpestblasen entstanden scheinbar aus dem Nichts über dem Sumpf. Und mit jeder wuchs der Sog, der von ihnen ausging, welcher sie zu Lines schöne Blubberblase hinzog und diese zu einer hundertbeuligen Amöbe zu verformen schienen. Line versuchte die Pestblasen wegzuhauchen, doch es ging nicht. Sie blies fester gegen ihre Blase, um sie schneller anzutreiben. Sie pustete und pustete, bis ihr schwarz wurde vor Augen, aber es half nichts. Unerträglich langsam und unaufhaltsam stur geschah der Ölpestblasenanflug. Es war wie eine dieser Unfallzeitlupen. Du realisierst, dass du eine falsche Bewegung gemacht hast, weißt aber zugleich, dass die dadurch in Gang gesetzten Ereignisse unabwendbar eintreten werden und du nichts dagegen unternehmen kannst. In Zeitlupe siehst du das Glas am Boden zerschellen, dich vom Fahrrad stürzen, die heißen Nudeln sich über dem Küchenboden verteilen. Das siehst du noch bevor es wirklich geschieht. Und du bist vom Schicksal dazu verdammt, es vorherzusehen und zu wissen. Du bist dagegen völlig machtlos. Line ließ einen Verzweiflungsschrei los. Die Blase absorbierte den Schall und vibrierte, dass es Myriausen bunter Tropfen regnete. Nun war Lines Blase klar. Line fühlte sich ausgeliefert und beobachtet. Einige der Ölpestblasen waren nah genug, dass Line Silhouetten sehen konnte. Line bemerkte, dass sie inzwischen regelrecht umwimmelt war von Ölpestblasen. Sie begann nicht einmal zu zählen – es war schlicht zu gruselig. Sie kommen nicht durch meine Blase, versuchte sich Line zu beruhigen. Meine Blase ist stärker. Lass sie ziehen so sehr sie wollen, meine Blase hält. Die bekommen sie nicht kaputt. Die Ölpestblasen rückten immer dichter und verzerrten Lines Blubberblase wie schwarze Löcher Zeit und Raum in billigen Animationen. Nicht einmal ein Protonentorpedo kommt gegen meine Blase an, sagte Line laut vor sich hin. Warum denn zum Geier ein Protonentorpedo? Wie kam sie denn jetzt auf Protonentorpedo? Da spürte sie es. Sie sah ihn nicht durch die Trübe Hülle, doch sie wusste genau in welcher Ölpestblase ihr Arschloch-Ex steckte. Vermutlich zockte er wieder irgendwelche Ballerspiele. Was hatte der hier überhaupt zu suchen? Line fühlte einen Stich in ihrer Brust. Der Schmerz war ihr vertraut. Immer wenn Line eine Idee hatte, musste ihr Ex sie schlecht reden und Zweifel säen. Er weinte, als sie schlussmachte. Aber Line war so sauer. Als er fragte warum, hatte sie gesagt, weil du ein Einfühlungsvermögen hast wie ein Weltraumzerstörer. Damit hatte sie ihn sitzen lassen. Das tat ihr leid. Es war unfair. Dieses eine Mal machte sie mit voller Absicht einen auf Weltraumzerstörer. Doch der Protonentorpedo traf sie gleichermaßen. Nun spürte Line auch andere Blasen, die sich weiterhin herangeschlichen hatten. Sie fühlte gleich aus mehreren Pestblasen das mulmige Gefühl im Bauch, das all die Lästerbacken im Büro ihr bescherten, von denen sie sich wohlweißlich ausnutzen ließ, obwohl die sich vermutlich trotzdem hintenrum das Maul über sie zerrissen. Da steh ich drüber, dachte sich Line jeden Tag im Büro. Doch oft hatte sie dabei das Gefühl, in Wirklichkeit drunter zu stehen. Ganz unten, nämlich, in der Hackordnung – ohne Helm, ohne Hut, ohne Schirm, ohne Schutz. Blöde Bitchblasen, rief Line. Allerdings nicht so laut wie sie gern gerufen hätte. Ein eiskalter Schauer rieselte ihr über den Rücken. Das war die Helikopterblase ihrer Mutter: Soll ich nicht den Onkel Heinz mal fragen, ob er was für dich hat? Willst du nicht zuhause wohnen bleiben, wo die Mieten doch so teuer sind? Bist du sicher, dass der der richtige für dich ist? Ich ruf dich nur so oft an, weil ich mir Sorgen mache und du ja nie anrufst. Da war eine Blase mit dem Hamster, den sie aus Versehen mit dem Schreibtischstuhl überrollt hatte als Kind. Und eine mit ihrer ehemals besten Freundin, auf die sie irgendwann einfach keine Lust mehr hatte. So viele Ölpestblasen voller Peinlichkeiten, Reue, Trauer, Wut und Gemeinheiten scharten sich um Line und sogen und zogen und zerrten, dass sie das Gefühl hatte, mitsamt ihrer Blubberblase in Stücke gerissen zu werden. Es war, als hätte bald die ganze Welt sich grundlos gegen sie verschworen. Dann spürte sie das Allerfieseste, so eindringlich und überwältigend, sie hasste sich selbst dafür. Da war sie. Groß und dunkeltrüb und hässlicher als alle anderen – die Babyblase. Was willst du von mir, schrie Line. Das ist so unfair! Ich bin noch nicht soweit! Lass mir doch einfach noch ein bisschen Zeit! Lass mich doch einfach in Ruhe! Lasst mich doch einfach alle in Ruhe! Was wollt ihr eigentlich alle von mir? Was soll ich denn machen? Line begann zu zählen, um nicht zu hyperventilieren. Eins. Zwei. Drei. Es wurde dunkel um sie herum. Vier. Fünf. Sechs. Die ekelhaften Ölpestblasen dockten sich an ihre schöne Seifenblase an und bildeten ein ekelhhaftes Blasencluster. Sieben. Acht. Lines Blubberblase war nun nicht mehr rund. Sie hatte viele Wände, die sie mit den Ölpestblasen teilte; und die Wände wurden immer dünner, weil die Ekelblasen daran saugten. Neun. Lines Blubberblase platzte mit einem gewaltigen Knall. 10! Ah! Line schreckte auf. Nachdem sich der erste Schrecken gelegt hatte, hörte sie sich um, ob die Nachbarn den Knall vielleicht gehört hatten und Alarm schlugen. Doch dann realisierte sie, dass es vermutlich keinen Knall gab außerhalb von ihrem Kopf. Puh! Nie mehr Honigmilch, beschloss Line. Und keine Ölpestblasen mehr! Ich hab die Nase voll davon! Es war augenblicklich Zeit, Entschlüsse zu treffen. Sie machte sich Licht und schrieb auf, was sie soeben beschlossen hatte: Ab sofort nehme ich die Dinge leichter. Ab sofort werde ich den verunsicherten Leuten Mut zuzusprechen, damit sie ihre Sachen selber auf die Reihe bekommen. Ab sofort werde ich den Abwälzern absagen, statt immer ja zu sagen und mir mehr Zeit für mich nehmen. Und den ganzen negativen Miesmachern werde ich ins Gesicht sagen, dass ihre Einstellung nichts bringt, statt mich von ihnen runterziehen zu lassen. Und gleich morgen gehe ich los und kaufe mir eine fluffige, dicke Daunendecke!

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